Archivfür die Kategorie 'Bekanntschaften'

Wo die Zeit verweilt

Montag, 29. September 2008 at 23:50

Hallo schweigende Leserschaft, hier bin ich mal wieder und schreibe hier so rum. Dank meines umfangreichen Kaffeekonsums dieser Tage verlassen nicht nur allerlei Pfunde fluchtartig meinen Geldbeutel, auch meine Zunge fühlt sich durch zu schnelles Cappucino schlürfen gestraft und hat sich einen Pelz zugelegt. Iiih mag man da schreien und mit erhobenen Zeigefinger mahnend in meine Richtung blicken, aber Mädchen weiß sich auch anderweitig zu helfen, ignoriert die Fuchtelei und kühlte ihren angebrannten Gaumen diesen Mittag alternativ mit einem geeistem Latte. Allen Temperaturen zum Trotz. Doch momentan kann ich nicht klagen, Regen macht sich dieser Tage rar und ich hoffe, das bleibt auch so, denn ich habe mir vorgenommen, die nächsten beiden Wochen, in denen ich noch Unterricht habe, mit dem Fahrrad zur Schule zu düsen, was ich heute auch erstmals erfolgreich in die Tat umgesetzt habe. Huiii, blies mir der Fahrtwind entgegen und auch meine Oberschenkel dankten es mir spätestens bei dem Versuch die Treppe zu meinem Klassenraum hinauf zu hüpfen. - Aber hö, wie kommt Mädchen denn an ein Fahrrad, fragt sich die aufmerksame Leserschaft vielleicht. Darüber ist schnell berichtet: in meiner zweiten Woche überkam es mich und ich kaufte mir einen blauen Drahtesel, den ich am Samstag nun endlich feierlich einweihte und gleich einmal 11 Kilometer bis zum nächsten Städtchen sauste und zurück.

Zunächst führte mich mein Weg die Themse entlang, später weitete sich das Feld und ich fand mich in einem Niemandsland zwischen unberührten Grasbüscheln und in sich ruhende Strommasten wieder. Sie ist mir nun schon so oft begegnet und ich liebe einfach diese Weitläufigkeit, die man außerhalb des Stadtkerns überall finden kann, so viele Flächen, die nicht bebaut und weitestgehend unberührt geblieben sind, wo Kühe und Schafe weiden, wo niemand einen stört - ein Stückchen Weltvergessenheit und die Zeit scheint für einen Moment stillzustehen. Und man kann einfach nur sein.

Am Sonntag besuchte ich Grégory in Northampton, der Zug brachte mich zügig an den Zielort meiner Reise und da wartete auch schon mein liebster Junge am Bahngleis auf mich. Er zeigte mir die Stadt und seine Arbeitstelle, wir verweilten im Park und ich lernte die anderen Freiwilligen des Kings Park kennen. Im Bus trafen wir zufällig ein freundliches Mädchen aus Berlin, spazierten mit ihr über den Unicampus und staunten über die Vielzahl an herumwuselnden Hasen. E war sehr fein einen Einblick in alles zu bekommen und nun bin ich wieder ein Stückchen schlauer geworden. Als es dämmerte, war es dann schon wieder Zeit für mich den Heimweg anzutreten, Grégory führte mich noch einmal an einen ganz besonders schönen Ort, an dem wir die gesamte Stadt überblicken konnten und wie gerne wäre ich noch etwas länger geblieben. Zwei Stunden später war ich zurück in Oxford und als ich den Bahnhof verließ und mir meinen Weg durch die nächtlichen Straßen suchte, überkam mich erstmals ein flüchtiges Gefühl daheim zu sein, anzukommen und bleiben zu wollen, unweigerlich der Gewissheit, dass viele mir wichtige Menschen in diesem Zuhause nicht oder nur selten bei mir sein können.

von caroline

Wohnungen vom allerfeinsten

Dienstag, 9. September 2008 at 22:51

Man möchte meinen, es sei ein Kinderspiel, eine adrette Unterkunft in einem der Innenstadt nahegelegenen Vorörtchen ausfindig zu machen, doch Pusteblume…
Zunächst begab ich mich allein auf Zimmersuche (ich berichtete über meinen ersten Besuch bei einer vierköpfigen Familie in Summertown), fand mich bei einem 39 Jahre alten Herren in Headington wieder, der mir prophezeite, dass ich innerhalb der nächsten sechs Monate so aussehen werde wie er (aufgedunsen und ein strammes Bäuchlein vor sich herschiebend) und mich anschließend zum gemeinsamen Spagetthi-Essen verführen wollte. Stattdessen flüchtete ich aus seinen gesprächsgierigen Klauen (die zudem 490 Pfund monatlich aus meinem Geldbeutel zu fischen eiferten) und erfuhr Asyl am Ende der Welt (das sich übrigens Blackbird Leys nennt) bei einer netten Dame Ende zwanzig. Das Zimmerchen war hübsch, der Rest der Wohnung auch, doch irgendetwas ließ mich zögern, mich hier niederzulassen. Vermutlich die knapp vierzigminütige Busfahrt in die Innenstadt und munkelnde Stimmen, in Blackbird Leys sei es gefährlich für kleine Mädchen wie mich… Alsdann geschah es, dass die rettende Fee Rahel mir den Kontaktdraht zu ihren Klassenkameraden Maike und Matthias legte. Die Chemie stimmte, nur bedürfte es wohl weiterer Chemikalien in der trautseligen Hütte, die wir uns heute gemeinsam ansahen. Die Schlafzimmer: absolut ok, nur droht demnächst ein Kampf um die beiden größeren Schlafgemächer zu entbrennen. Das Bad: ein Desaster. Es schimmelt munter vor sich her. Aber vielleicht lässt sich da ja etwas machen. Die Küche: da reden wir nochmal drüber. Da muss einfach mal ordentlich sauber gemacht werden. Ich hoffe, der mir bis zur Hüfte reichende Kühlschrank reicht für drei Personen (hier in der residence hat bisher leider nur eine vereinzelte Flasche Milch von mir ein Plätzchen gefunden), ansonsten bin ich optimistisch. Das Wohnzimmer: da stand ein Wäscheständer herum. Das finde ich gut. Dass der Fernseher nur vier Programme empfängt, stört mich nicht. Ich glotz ja kein TV.
Aber ich denke, in the whole, das wird schon. Mädchen soll sich mal nicht so anstellen, es sind nur sechs Monate und hej, die beiden Mitsuchenden sind absolut cool! Ich freue mich schon auf berauschende Nächte, hihi.

von caroline

Klassenkameraden aus aller Welt

Sonntag, 7. September 2008 at 21:10

Oha, die erste Woche jenseits der Heimat habe ich bereits hinter mir und erlebt habe ich in den letzten Tagen auch schon einiges! Die ersten liebgewonnenen Mitschüler haben bereits den Heimweg angetreten, so auch der quirlige Sogo aus Tokio, der uns heute zur Erinnerung dieses Foto schickte:

(von links nach recht: Barbara, Raphael, Abdullah, Ayumi, Claudia, Marta, ich und Sogo)

Zudem lud er uns alle ein, sollten wir uns irgendwann einmal in Japan herumtreiben, ihn zu besuchen. Avec plaisir, monsieur!

von caroline

Bella Italia

Donnerstag, 4. September 2008 at 19:16

Als ich am heutigen Morgen zu meiner ersten Zimmerbesichtigung nach Summertown aufbrach, bescherte mir der liebe Petrus alles andere als sommerliches Wetter, stattdessen leerte er eimerweise Regenwasser über meinem kapuzenbedeckten Köpfchen aus, was meine vierzig Minuten verfrühte Ankunft nicht gerade angenehmer machte. Leicht durchnässt spazierte ich dann in das Häuschen einer vierköpfigen Familie, die norwegische Hausherrin empfang mich freudenstrahlend mit ihren beiden Kindern, zeigte mir die Räumlichkeiten und freute sich noch mehr, als ich erwähnte, dass ich französisch spreche, da ihr Mann aus dem Franzosenlande stamme. Morgen und am Samstag habe ich noch zwei weitere Besichtigungen und ich hoffe, dass am Ende etwas passendes für mich dabei ist.

Und Unterricht hatte ich nun auch schon dreimal. Mein Lehrer Stefan ist ein amüsanter Kauz, ein Mann, der Mimik und Gestik perfekt einzusetzen weiß und jeden Tag aufs Neue schafft er es, seine Schützlinge mit den unterschiedlichsten Unterichtsmethoden für phrasal verbs oder compound adjectives zu begeistern. Sojemanden hätte man sich einst im staubtrockenen Schulunterricht gewünscht.

Gestern Abend traf ich mich dann mit Marta, einer italienischen Studentin und ihrer Freundin in der Stadt und suchten nach der besten Lokalität für cakes. Wir bejammerten uns gegenseitig über die schlechte Auswahl an guten Lebensmitteln (ich vermisse vor allem Käse, Joghurt und warum habe ich bisher noch immer keine einzige Bäckerei gefunden?) und schwärmten von italienischer Pasta. Hmjam, was gäbe ich gerade für einen großen Topf Nudeln! Ordentlich gesalzen und mit einer aromatischen Tomatensauce.
Heute Abend ziehen wir wieder los, diesmal auch mit Claudia aus Spanien, die am Samstag leider schon wieder die Heimreise antritt.

Für morgen habe ich mir vorgenommen, ein paar Bilder von meinem Zimmer zu machen, damit das Auge hier nicht verhungert. Aber vorher sollte ich vielleicht mal aufräumen…

von caroline

The Salad Bowl

Dienstag, 2. September 2008 at 12:03

Gerade musste ich leider feststellen, dass es hier in der Gemeinschaftsküche keine einzige Müslischüssel gibt, arg. Das geliebte Müsli muss heute also nochmal ausfallen und ich begnüge mich stattdessen mit einer Nektarine.

Gestern in der Früh schleppten mich dann zwei meiner Mitbewohnerinnen - eine Russin und eine Ukrainerin (die die meiste Zeit über leider nur russisch miteinander reden) - mit zur Schule, die eine viertel Stunde Busfahrt von meiner Unterkunft entfernt ist, dort angekommen, bekam ich ein kleines Welcome Kit mit Stadtplan, Freizeitveranstaltungsprogramm und Informationen zur Schule. Anschließend wurden alle Neuankömmlinge für einen kleinen Englischtest in die hauseigene Cafeteria einberufen, hierbei kam ich bereits mit einer Italienerin nett ins Gespräch, sie beschwerte sich über den hiesigen Espresso und dann ging es gleich weiter zu einem kleinen Stadtrundgang. Wir waren insgesamt etwa zwanzig Leute und auf unserem Weg vorbei an Collegegebäuden und durch Einkaufspassagen erfragte man sich hier und da Namen und Nationalität; als wir dann Zeit bekamen, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden, tat ich mich mit einer Ungarin, Japanerin, Chinesin und Schweizerin zusammen. Nachdem Julia aus Ungarn sich einen Föhn gekauft hatte, bekamen wir Hunger, Anna aus Japan schlug der Einfachheit halber Starbucks zum verweilen vor (das Angebot an Restaurant, Cafés und Take-Aways ist hier immens!), wo wir zu dritt unsere Bäuche füllten, während Lulu aus China und Rahel aus der Schweiz die Bank aufsuchten.
Zurück in der Schule erhielten wir eine Einführung in den Schulbetrieb und unsere Stundenpläne, die aus unseren Testergebnissen am Morgen resultierten. Ich bin also ein upper intermediate, ein gehobener Anfänger, haha. Dummerweise habe ich nun, im Gegensatz zu den meisten anderen Mitstreitern, die ich gestern kennen lernen durfte, erst ab 14.30 Uhr Unterricht. Daher sitze ich hier auch immer noch so faul herum. Während einige dann noch Extra-Einweisungen bekamen, suchten die Italienerin Juicy und ich das nahegelegene Schwimmbad, woran gleichzeitig noch ein Fitnesscenter angeschlossen ist. Dabei folgten wir einem weiß gekleideten Jungen, dessen britischer Akzent kaum zu verstehen war (“It is noooise in Italy?” - er meinte aber nice) und der uns immer nur verdutz anstarrte und es irgendwann aufgab, weiter nachzufragen, was wir eigentlich von ihm wollten.
Auf dem Weg in die Innenstadt begleitete mich dann noch Rahel, sie zeigte mir, wo ich den Supermarkt finde und nachdem ich zwei Packungen Cornflakes, Milch, Nektarinen und eine Zitronenlimonade gekauft hatte, tauschten wir noch Kontaktdaten aus und verabschiedeten wir uns voneinander. Vielleicht fahren wir demnächst zusammen nach Bath und Stonehenge, das wäre sehr fein.

Und gleich geht es dann endlich los mit dem ersten Unterrichtstag. Ich hoffe, ich werde im Laufe der nächsten Wochen noch mehr Leute kennen lernen; es ist wirklich spannend, Menschen aus so vielen unterschiedlichen Ländern zu treffen und sich mit ihnen zu unterhalten!

von caroline